Akustische Barrierefreiheit oder: Warum sich die Menschen im Hans-Sachs-Haus Gelsenkirchen so gut verstehen.

»Der barrierefrei gestaltete öffentliche Raum ist eine wesentliche Voraussetzung für die selbstbestimmte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. Daher findet insbesondere eine enge Kooperation mit der städtischen Bauverwaltung statt, damit Gelsenkirchen eine behindertengerechte Stadt wird.« Wie ernst die SBB, Koordinierungsstelle Senioren- und Behindertenbeauftragter in Gelsenkirchen diese auf der städtischen Website publizierte Aussage nimmt, beweist die vorbildliche Umsetzung von Barrierefreiheit im neuen Hans-Sachs-Haus, Gelsenkirchen.

Lenken wir den Fokus auf akustische Barrierefreiheit, so stehen wir auch hier einer in jeder Hinsicht vorbildlichen Ausstattung gegenüber – qualitativ und quantitativ. Die Medientechnik, einschließlich der Integration von Ringschleifenanlagen, wurde von der KST MOSCHKAU GMBH realisiert; Markus Schneidersmann leitete das Projekt.

Im Gespräch der AUDIOropa-Web-Redaktion mit den Medientechnikern aus dem Hause KST Moschkau kristallisierten sich vor allem die Vorteile des Einsatzes von Low-Overspill-Ringschleifensystemen (LOS) heraus:

Was ist das Herausragende an dem Projekt »Ringschleifensysteme für das Hans-Sachs-Haus«?

»Der Projektverlauf war vor allem durch die hochqualifizierte Unterstützung durch das AUDIOropa-Team der Humantechnik, unserem Systemlieferanten, geprägt – und überhaupt durch eine beispielhaft gute Zusammenarbeit aller Beteiligten, seien es die Entscheider der Stadt, die Architekten, Planer oder andere am Bau beteiligte Unternehmen. Im Ergebnis haben wir eine Audioqualität erzeugt, die erheblich oberhalb anderer uns bekannter Anlagen liegt. Die klare, störungsfreie und homogene Übertragung der Induktivsignale ist für uns als Medientechniker natürlich der markanteste Aspekt.«

Worauf führen Sie den Qualitätsvorsprung zurück?

»Die Top-Leistung bringen vor allem die Ringschleifenverstärker des Typs PROLOOP LOS. Davon absehen, dürfte auch die lückenlose perfekte Ausstattung der Räume ein Qualitätsfaktor sein. Allein das Atrium im Erdgeschoss mit über 500 Quadratmetern haben wir mit drei LOS-Anlagen* versorgt. Kabellängen von insgesamt etwa 670 Metern für Master- und Slave-Schleifen erschließen den gesamten Raum mit hochstabilen Induktiv-Signalen. Hörgeräteträger oder Nutzer anderer Induktiv-Signalempfänger können induktiv hörend das Atrium durchschreiten, ohne dass sie auch nur geringste Qualitätsschwankungen wahrnehmen.«

* LOS: Low-Overspill

Wie funktioniert das sogenannte induktive Hören?

»Ringschleifenverstärker wandeln die Signale der Audioanlage in Induktivsignale um und speisen diese in die Ringschleifen ein, also in Kupferkabel, die ringförmig im Fußboden verlegt sind. Hörgeräte mit integrierter T-Spule können vom Schwerhörigen auf Induktiv-Empfang umgeschaltet werden und empfangen dann diese Signale, die, entsprechend gewandelt, als Audiosignale wiedergegeben werden. Der Vorteil: Das Mikrofon der Hörgeräte kann dabei auch komplett abgeschaltet werden, sodass der Zuhörer nur noch die Signale der Audioanlage hört – frei von Umgebungsgeräuschen und frei von Beeinträchtigungen durch Raumhall oder andere raumakustische Einflüsse.«

Wofür steht LOS im Zusammenhang mit Ringschleifensystemen?

»Die Low-Overspill-Technik, LOS, ist entwickelt worden, um die Induktiv-Signale auf den Bereich innerhalb der Schleife zu begrenzen. Wenn Ringschleifensysteme in benachbarten Räumen betrieben werden, verhindert die LOS-Konfiguration Signalvermischungen. Dahinter steht das Prinzip zweier phasenverschoben betriebener Ringschleifenverstärker, mit einer Master- und einer Slave-Ringschleife. Diese Anordnung zeigt zudem einen willkommenen Nebeneffekt: Die Signalstabilität und -homogenität über die gesamte versorgte Fläche ist der Qualität normaler, einfacher Ringschleifen überlegen.«

Wie umfassend ist das neue Hand-Sachs-Haus mit Ringschleifensystemen ausgestattet?

»Das Atrium erwähnte ich bereits. Ebenfalls im Erdgeschoss haben wir im Bürgerforum zwei Anlagen für jeweils mehr als 200 Quadratmeter installiert. Im zweiten Obergeschoss versorgen Ringschleifensysteme den gesamten Ratssaal einschließlich dessen Empore, und im vierten Obergeschoss erlauben mehrere Sitzungsräume, die vorwiegend von den Ausschüssen und Fraktionen genutzt werden, induktives Hören.«

Zum Beispiel der Ratssaal: Zwei Teilschleifen, jeweils bestehend aus einer Master- und einer Slave-Schleife, gemeinsam an einem einzigen PROLOOP LOS Verstärker betrieben, versorgen die insgesamt ca. 400 m² Fläche des Saals. Zudem sind zwei Emporen, zusammen etwa 100 m², mit jeweils einer Master-/Slave-Kombination ausgestattet.

Induktives Hören ist ja kein Exklusivangebot für Hörgeräteträger.

»Stimmt. Das Angebot richtet sich ebenso an Gehörlose, die durch Cochlea-Implantate in der Lage sind zu hören und im Prinzip an alle Rathausbesucher mit eingeschränktem Hörvermögen – auch an jene, die keine Hörgeräte tragen. An letztere gibt das Hans-Sachs-Haus bei Bedarf Kinnbügelhörer mit integrierten Induktivempfängern aus.

Die Systeme sind übrigens rund um die Uhr aktiv. Das heißt: Was immer im Rathaus in ein Mikrofon gesprochen wird, um es über Lautsprecher wiederzugeben, steht gleichzeitig in den entsprechenden Bereichen auch in Form von Induktivsignalen zur Verfügung.«

... und das Tüpfelchen auf dem »i«?

»Betrachtet man die enormen Raumgrößen, in denen etwa zweieinhalb Kilometer Ringschleifenkabel verlegt worden sind, gespeist von elf High-Tech-Ringschleifenverstärkern, dann ...

... ist das Tüpfelchen auf dem »i« im Sinne eines vervollständigenden Aspektes das kompakte Kleinringschleifensystem LA-90. Dieses stellt im Empfangsbereich des Foyers bei der Beratung und Information von Hörgeräteträgern die notwendigen Induktivsignale über die kurze Distanz zwischen Besucher und Berater zur Verfügung.

»LA-90«, das kompakte mobile Ringschleifensystem für die induktive Übertragung des gesprochenen Wortes direkt zum Hörgerät oder zu einem Ringschleifenempfänger über kurze Distanzen

Wir sind überzeugt, dass die Herstellung akustischer Barrierefreiheit im Gelsenkirchener Rathaus in jeder Hinsicht »eine runde Sache« geworden ist – konsequent umgesetzt bis ins Detail. Das bestätigt auch der Ausschuss der örtlichen Selbsthilfegruppe Schwerhöriger und Ertaubter, der die Abnahme der Anlage aus Sicht der Hörgeschädigten begleitete, und auf dessen Anregung der ergänzende Einsatz des LA-90 erfolgte«

Die Ausstattung des Hans-Sachs-Hauses:

  • 11 Ringschleifenverstärker PROLOOP LOS
  • rund 2.500 Meter Ringschleifenkabel
  • 12 LPU-1 DIR – Kinnbügelhörer mit integriertem Induktivempfänger, einschließlich Aufbewahrungskoffer und Mehrfachladestation (für die Ausgabe an Besucher mit eingeschränktem Hörvermögen, die keine eigenen Hörsysteme mit T-Spule tragen)
  • ein Kleinringschleifensystem LA-90

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